Aussenansicht HAUP Gärtnerhaus mit Bestandsgebäude · Foto: Robert Tober

Das Gärtnerhaus der HAUP: Brandschutz ohne Abstriche im kreislauffähigen Holzbau

Ihr Motto „Mit der Natur leben lernen“ hat die Hochschule für Agrar- und Umweltpädagogik (HAUP) in Wien 1:1 in ihr neues Seminargebäude einfließen lassen, das Ende 2025 eröffnet wurde. Der Neubau wurde im Auftrag des Bundesministeriums für Land- und Forstwirtschaft, Klima- und Umweltschutz, Regionen und Wasserwirtschaft von der Bundesimmobiliengesellschaft verwirklicht und nach dem klimaaktiv Gold-Standard errichtet. Es ist vollständig rückbaubar und setzt innen wie außen auf nachhaltige Materialien wie Holz oder Stroh. Für die Brandschutzplanung stellten die kreislauffähigen Baustoffe trotz ihrer Brennbarkeit keine Hürden dar – gefeilt wurde an anderer Stelle: der Entfluchtung mobilitätseingeschränkter Personen.

Das zweigeschoßige Gebäude auf dem Hochschulgelände schließt an ein hundert Jahre altes bestehendes Holzhaus – das namensgebende Gärtnerhaus – an und erweitert dieses um einen 120 m² großen Seminarraum, Büros und Aufenthaltsbereiche. Nach Plänen von MAGK Architekten wurde der Schulzubau oberirdisch in Holz-Hybridbauweise errichtet, wobei für die Außenwand- und Dachdämmung Stroh zum Einsatz kam, für die Innenwände Schafwolle. Markant ist auch die Schindelfassade aus Abschnittsholz.

Ein Brandabschnitt für Alt und Neu
Für das Brandschutzkonzept war die Größe des Zubaus von Vorteil. Mit einer Nutzfläche unter 400 m² fällt das neue Gärtnerhaus brandschutztechnisch in die Gebäudeklasse 3 mit geringeren Anforderungen als im Stadtgebiet und Schulbau üblich. Damit war es möglich, den gesamten Baukörper – Neubau und Bestand – als einen einzigen Brandabschnitt zu definieren. Lediglich das in Stahlbeton ausgeführte Kellergeschoß mit Technikraum bildet zu den darüberliegenden Geschoßen einen eigenen Brandabschnitt. Erleichterungen galten auch in puncto Treppen: Anstelle eines vollwertigen geschlossenen Treppenhauses wurde eine Erschließungstreppe vorgesehen. Für die Flucht im Brandfall bedeutet das keine Einschränkung, da von jedem Punkt des Gebäudes in maximal vierzig Metern ein sicherer Ort im Freien erreicht wird.

Terrasse als Verweilbereich
Während die geringe Nutzfläche die Brandabschnittsbildung erleichterte, erforderte sie beim Thema Entfluchtung eine intensivere Auseinandersetzung: „Die Frage war, wie sich in einer so kleinen Nutzung die Evakuierung mobilitätseingeschränkter Personen umsetzen lässt“, erinnert sich Projektleiterin Simone Schwaiger-Ruess. „Die häufigste Variante sind sichere Warteplätze mit entsprechender Anlagentechnik – die Vorgabe war jedoch im Gebäude so wenig Technik wie möglich einzusetzen.“ Die Lösung sah in jedem oberirdischen Geschoß einen sicheren Verweilbereich im Freien vor: im ersten Obergeschoß auf einer Terrasse zwischen Alt- und Neubau, im Erdgeschoß auf einer eigens geschaffenen Veranda. Menschen mit eingeschränkter Mobilität können selbstständig zu diesen Warteplätzen fahren und sich bis zu sechzig Minuten geschützt dort aufhalten. „Da sich beide Warteplätze aber in Sichtkontakt und Rufnähe zur Feuerwehraufstellfläche befinden, werden die Personen unter Berücksichtigung der Brandmeldeanlage mit automatischer Alarmweiterleitung zur Feuerwehr in der Regel deutlich früher abgeholt“, erklärt Simone Schwaiger-Ruess.
  HAUP Gärtnerhaus Terrasse, Schindelfassade aus Abschnittholz © Robert Tober · www.toro.cc  

Ein Umweg für das Einblasstroh
Eine gesonderte Lösung war auch in der Ausführungsphase gefragt. Die Außenwand sollte mit Stroh gedämmt werden – das Naturmaterial erfüllte die erforderliche Klassifikation für Fassaden hinsichtlich des Brandverhaltens allerdings nicht. Wir stimmten mit der Behörde eine alternative Umsetzung ab. Dabei wurde die Strohdämmung nicht als außenliegende Dämmung vorgesehen, sondern als Teil des Wandbildners in die Pfosten- und Riegelkonstruktion eingebracht. Nicht brennbare Platten an der Vorder- und Rückseite der Außenwand sowie Laibungen, die ebenfalls nicht brennbar ausgebildet wurden, schützen vor einem Einbrand. Zudem wurden keine Zündquellen in diesem Bereich vorgesehen. „Wir haben den Aufbau der Außenwand adaptiert, zusätzliche Maßnahmen konzipiert und die Schichten anders angeordnet. Damit war die Strohdämmung der Außenwand auch aus Sicht des Brandschutzes möglich“, so Simone Schwaiger-Ruess.

Mehr Holz im Schulbau
Der Holzmassivbau ließ sich im Brandschutzkonzept sehr gut abbilden. Das Brettschichtholz bot einen geprüften Feuerwiderstand von sechzig Minuten, die Decken wiesen durch ihre Kreuzlagenverleimung eine hohe Tragfähigkeit und gute statische Eigenschaften auf. Auch die Fassade aus Abschnittsholz kam ohne Zusatzmaßnahmen aus: Da es oberirdisch nur einen Brandabschnitt gibt und alle Fluchtwege nach vierzig Metern ins Freie führen, entfällt ein Parapet an den Fenstern zur Verhinderung des vertikalen Brandüberschlags. „Projekte in der Gebäudeklasse 3 eignen sich brandschutztechnisch wunderbar für den Holzbau und eine nachhaltige Umsetzung, das gilt auch für Schulbauten. Man muss keine Abstriche machen, kann aber alle Vorteile der natürlichen Baustoffe nutzen“, so Simone Schwaiger-Ruess. „Viele Gebäude können heutzutage schon sehr einfach in Holz errichtet werden. Ich würde mich freuen, wenn sich diese ökologischere Bauweise in jenen Gebäuden, wo dies mit den gesetzlichen Grundlagen gut vereinbart werden kann, mehr durchsetzt.“
  HAUP Gärtnerhaus Seminarraum © Robert Tober · www.toro.cc