Altstadthaus Wels


Leistungsumfang

  • Brandschutzkonzept
  • Consulting in der Ausführungsphase

Umgeben von der bis zu zwei Meter dicken Stadtmauer aus dem 13. Jahrhundert, dem Welser Stadtplatz und dem Ledererturm, der als Wahrzeichen der oberösterreichischen Stadt gilt, findet man an der Adresse Stadtplatz Nr. 58 ein besonders geschichtsträchtiges Haus. Das denkmalgeschützte Gebäude mit einem Baukern aus dem Spätmittelalter wurde nach den Plänen des Büros maul-architekten umgebaut, saniert, in Teilen erneuert und an eine zeitgemäße Nutzung herangeführt. Von außen sollte das Haus möglichst unberührt bleiben – hofseitig wurden Einbauten aus den 1970-Jahren rückgebaut und durch einen neuen Baukörper ersetzt. Nach der Fertigstellung beherbergt das Ensemble moderne Wohn- und Büroeinheiten sowie mit einem Lokal im Erdgeschoß auch eine gewerbliche Nutzung.

Planerische Grenzen

Wir haben das Bauvorhaben von der Grundlagenermittlung bis zur Einreichung betreut und auch die Ausführung begleitet. „Das Projekt war überschaubar, aber fachlich anspruchsvoll. Durch den historischen Kontext gab es viele spezifische Details zu erarbeiten“, so Projektleiterin Simone Schwaiger-Ruess. Hinzu kamen Lage und Geometrie, da sich die Gebäude direkt hinter der Stadtmauer in ein schmales, trapezförmiges Grundstück einpassen. „Es gab wenig Platz und keinerlei Ausweichmöglichkeiten. Alle Maßnahmen im Brandschutz mussten in dem zur Verfügung stehenden Raum untergebracht werden.“

Zentrale Lösung für die Flucht

In Bezug auf die Fluchtwegsituation war die Schaffung einer neuen Außentreppe somit keine Option. Ein historisches Tor an der Parkseite, das als Eingang reaktiviert wurde, entsprach nicht den OIB-Richtlinien und konnte ebenfalls nicht für die Entfluchtung herangezogen werden. Somit wurde das Treppenhaus des Hauptgebäudes als einziger Fluchtweg definiert. Dabei kam der Planung das massive historische Mauerwerk entgegen, das die Vorgaben der Richtlinien ohne weitere Ertüchtigung erfüllte. Das Treppenhaus wurde brandschutztechnisch abgetrennt und mit einem Rauchabzug sowie rauchdichten Türen ausgestattet. Auch für die Parteien im neuen Hofgebäude führt der Fluchtweg vom Innenhof über das Haupthaus.

Tragwerk unter der Lupe

Das Nebeneinander von alt und neu, von Bewahrenswertem und Zeitgenössischem prägt den Charakter des Altstadthauses. Maßgeblich dafür war der Erhalt der bestehenden Decken. „Historische Holztramdecken bringen mit ihren dicken Balken meist gute Eigenschaften mit. Die Berechnung des Restquerschnitts nach einer Abbrandzeit von neunzig Minuten ergab einen ausreichenden Feuerwiderstand der Bestandsdecke – auch ohne Verkleidung der Holzuntersichten oder anderer zusätzlicher Ertüchtigungen“, erklärt Simone Schwaiger-Ruess. Von oben nach unten wurde der Brandschutz durch den Aufbeton auf die Dippelbäume sichergestellt. Neben den Holzträmen barg das Gebäude weitere Deckensysteme wie gemauerte Gurtbögen oder Tonnengewölbe mit Stichkappen. Letztlich konnten viele der Bestandsdecken bzw. Konstruktionen sichtbar erhalten werden.

Wehrhaft im Brandfall

Optische Aspekte und der Schutz wertvollen Kulturguts standen auch beim Wehrgang der Stadtmauer im Fokus. Ein Teil des Ganges ist über einen Rundturm öffentlich zugänglich und führt zum angrenzenden Ledererturm – der andere Teil ist privat. Zu klären war, wie der Wehrgang ausreichend geschützt werden kann, damit ein Brand in einer der angrenzenden Nutzungen nicht auf diesen übergreift. Das Konzept sah dafür brandschutztechnische Abtrennungen zwischen dem Wehrgang und den daran situierten Einheiten vor. Der Gang darf zudem nur zu Wartungszwecken betreten werden.

Eine weitere Herausforderung stellte sich bei der Holzstruktur des Wehrganges, die sich in einem schlechten Zustand befand. „Wir haben unterschiedliche Lösungen ausgelotet, um die Holzstruktur zu bewahren, ein optisch ansprechendes Ergebnis zu erzielen und zugleich das nötige Maß an Brandschutz sicherzustellen“, erklärt Simone Schwaiger-Ruess. Am Ende fiel die Entscheidung auf eine vier Zentimeter starke Brandschutzschalung mit einem Doppelnut- und Federstecksystem. Die Konstruktion schützt die Dachstruktur und leistet einen dreißigminütigen Feuerwiderstand.

Die umsichtige Sanierung des Welser Altstadthauses wurde 2025 mit einer Nominierung für den ZV-Bauherr:innenpreis gewürdigt. Aus ganz Österreich wurden aus 112 Einreichungen 24 Projekte von den Nominierungsjurys ausgewählt.

Ort, Zeitraum Planung & Consulting

Wels, 2022-2025

Auftraggeber

maul-architekten zt gmbh

Nutzung

Wohnungen, Büro, Gastronomie

Category
Wohnhäuser